Die Zeiten sind hart, ganz generell und auch für alle, die es mit Sprachen und Texten haben. Übersetzung gebraucht? Frag doch ChatGPT, hau den Text in DeepL rein oder so ähnlich. Kann funktionieren, muss aber nicht.
In einem meiner letzten Aufträge ging es um Investitionen von Unternehmen in das Identitäts- und Zugriffsmanagement. Mit einem eindrücklichen Beispiel wollte mein Kunde den potenziellen Käufern seiner Lösung zeigen, welche Konsequenzen es haben kann, hierbei zu sparen. Die Passage:
While the lack of investment in identity access management solutions exists, the consequences are worse. In xxx, ABC reached a global settlement with the DEF after the data breach of XYZ personal customers’ info.
xxx: eine Jahreszahl.
ABC: ein Unternehmen, das Cybersicherheit zu sorglos betrachtet hat.
DEF: die Handelsbehörde des Landes, in dem das Unternehmen ansässig ist.
XYZ: eine schwindelerregend hohe Zahl.
Der ein paar Jahre zurückliegende Fall ließ leise Glöckchen bei mir läuten. Ich übersetze für besagten Kunden schon viele Jahre; mit Sicherheit war damals dieser Datenskandal über meinen Schreibtisch gelaufen. Allein, Details waren mir entfallen (klassische déformation professionelle von Übersetzer*innen – Inhalte, mit denen man sich ausführlich beschäftigen musste, ratzfatz wieder zu vergessen, seufz), und so musste ich noch einmal recherchieren. Zumal ich mit „ABC reached a global settlement with DEF“ so gar nichts anfangen konnte. Wozu waren ABC und DEF übereingekommen? Es hatte sicherlich etwas mit der Vernachlässigung von Datensicherheit und den daraus erwachsenden bösen Konsequenzen zu tun.
Es „so zu übersetzen, wie es da steht“, hielt ich nicht für sinnvoll. Wenn schon ich die Brücke zwischen beiden Sätzen nicht sehe, die sich tagein, tagaus am Schreibtisch mit Cybergefahren beschäftigt, wie soll ich dann die Leser*innen des Textes sicher über den Fluss bringen?
Meine Recherche förderte Erhellendes zutage und ich lieferte die Übersetzung ab. Einen Tag später erhielt ich eine Mail von einem der beim Kunden für die Qualitätssicherung der Texte zuständigen Mitarbeiter. Nichts Ungewöhnliches, häufig genug hat man doch etwas übersehen oder die QA-Leute wollen sich einfach noch einmal vergewissern, was mich zu einer Lösung gebracht hat, die ihnen im ersten Moment nicht gleich einleuchtet. Das ist schließlich ihr Job. Er aber meinte nur: „Vielen Dank für deine tolle Transcreation! Erst durch sie habe ich verstanden, was es mit der Passage von ABC und DEF und dem global settlement auf sich hatte. Auf Englisch ergab das für mich so überhaupt keinen Sinn.“ Willkommen im Club der Nichtversteher*innen!
Ich schrieb ihm zurück: „Das belegt mal wieder klar, dass wir als Menschen beim Übersetzen noch nicht komplett obsolet sind. Was ChatGPT und Konsorten hier ausgespuckt hätten, möchte ich gar nicht wissen.“ Als Antwort kam ein schönes rotes Herz von ihm. ChatGPT hätte mir sicherlich keines geschickt.