KI ist gefühlt überall inzwischen. Angesichts der rasanten Entwicklung, die auch hie und da mal Haken schlägt wie ein Hase, verliert man schnell den Überblick. Längst klar ist, dass LLMs – large language models, große Sprachmodelle also – speziell die Berufe Kreativer umkrempeln (was noch freundlich klingt; viel eher fühlt es sich aktuell an, als würden wir mit der Dampfwalze überfahren). Nicht so klar ist einstweilen, wie es künftig weitergehen wird. Die ganze Welt schwankt zwischen Euphorie und Katastrophismus hin und her, ein Dazwischen scheint es kaum zu geben.
Dabei sind Maß und Mitte genau das, was wir bräuchten – in Zeiten, die nicht nur beruflich herausfordernd sind. Die gesamte Welt steht kopf, so scheint’s, sie eiert und wackelt dabei, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Und in dieses Gebrodel hinein fallen nun ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten, nichtsahnend, was sie anrichten, denn ahnen, fühlen, denken, planen: Das kann diese Technik nicht, ganz gleich, wie vielen Leuten es schwerfällt, sie im Dialog nicht wie ein menschliches Gegenüber zu behandeln.
Nicht mal ignorieren …
Als LLMs in unser aller Leben getreten sind, haben sie sicher nicht nur bei mir Sorgen ausgelöst und ein Gefühl des Ausgeliefertseins erzeugt. Der anfängliche Drang, das Ganze auszublenden und zu ignorieren, mischte sich nach und nach mit einer gewissen Neugier. Die aber von der nächsten Horrormeldung, was LLMs können oder nicht können (sollten), schnell wieder erstickt wurde. Und so ging es eine Weile hin und her.
Als ich im letzten Herbst den Aufruf meiner Texttreff-Kollegin Christa Goede sah, einen Verein zu gründen, der sich für einen kritischen Umgang mit KI einsetzt und Kreativberufen Qualitätssiegel anbieten kann, beschloss ich als eine, deren Geschäftsmodell „professioneller Text“ in den letzten beiden Jahren massiv unter Druck geraten ist, dabei zu sein. Schluss mit Vogel Strauß, lieber den Stier bei den Hörnern packen! KI geht nicht mehr weg, also setz dich damit auseinander. Du kannst keine Haltung zu etwas entwickeln, das du nicht kennst.
… oder ran an den Speck?
So wurde ich eines von gut drei Handvoll Gründungsmitgliedern des Vereins „MI Menschliche Intelligenz e. V.“. Seit ein paar Wochen (ja, deutsche Behörden sind zuweilen immer noch seeeehr langsam …) bietet der Verein nun das MI-Siegel an. Dieses Siegel und den dahinter stehenden Qualitätskodex hatten Christa und zwei weitere Kolleginnen schon zwei Jahre zuvor entwickelt. Siegellizenzen hatten sie schon ein, zwei Jahre lang an Interessierte verschiedener Kreativsparten verkauft. Nach und nach entstanden Siegelvarianten für mehrere Sparten, jedes mit einem eigenen Kodex. Kurz gesagt, belegt das Siegel, dass sein*e Träger*in für die eigene Arbeit einsteht, ganz gleich, ob im Arbeitsprozess KI zum Zuge kam oder nicht. Kunden und Kundinnen vermittelt das Siegel: „Ich als Mensch behalte den Hut auf bei meiner Arbeit. Ich kann KI als Hilfsmittel einsetzen, aber ich tue das verantwortungsvoll, mit kritischer Haltung und prüfe Arbeitsergebnisse immer akribisch. Keinesfalls delegiere ich mein geistiges Arbeiten an KI-Tools.“
Bei mir bedeutet das: Ich werfe keine Kundentexte in ChatGPT und lasse sie vom Bot übersetzen oder lektorieren, etwa um Zeit zu gewinnen oder mir die Denkarbeit zu ersparen. Ich stehe für meine Arbeit ein so wie bisher auch. Ich habe als Mensch das letzte Wort.
Neue Herausforderungen angehen
Das letzte halbe Jahr seit der Gründung des „MI Menschliche Intelligenz e. V.“ kommt mir wie ein bizarrer Traum vor. Eine sich rasant weiterentwickelnde Digitalität, Big-Tech-Machtansprüche, geopolitische Verwerfungen, Kriege, neue Weltordnungen, gefährdete Demokratien – nicht zuletzt durch immer schlammigere Social Media – und on top die Klimakrise, der auch Autokraten und weitere Idioten nicht entkommen werden. Im Gegenzug inzwischen Emanzipationsbemühungen in Europa (hurra!) und ein erwachendes Bewusstsein zu den gesellschaftlichen Folgen. Das ganz große Rad also.
Newsletter gibt es viele, auch zum Thema KI. Seit Anfang des Jahres schreibe ich dennoch mit Christa zusammen alle zwei Wochen den Newsletter „Mensch. Maschine. Moral.“ Das Newsletter-Recherchieren und Schreiben macht Spaß. Und wir haben tolle Öffnungsraten, das darf ich an der Stelle sagen. Offensichtlich kommen unsere Impulse an.
Am besten gleich abonnieren und am Ball bleiben!